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Vibe Coding: Wenn Softwareentwicklung zur dialogischen Zusammenarbeit mit KI wird

Softwareentwicklung befindet sich aktuell in einem tiefgreifenden Wandel. Mit der zunehmenden Verbreitung generativer KI-Systeme entsteht eine neue Praxis, die weit über klassische Programmierhilfe hinausgeht: das sogenannte Vibe Coding. In ihrem aktuellen Paper „Vibe Coding as a Reconfiguration of Intent Mediation in Software Development“, veröffentlicht im Journal IEEE Access (VHB: B), analysieren Christian Meske, Tobias Hermanns, Esther von der Weiden, Kai-Uwe Loser und Thorsten Berger, wie sich durch diese Entwicklung die grundlegende Logik von Softwareentwicklung verändert.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass Software immer häufiger nicht mehr Zeile für Zeile geschrieben wird, sondern in natürlicher Sprache im Dialog mit KI-Systemen entsteht. Entwickler:innen formulieren Ziele, Ideen und Anforderungen, während die KI die technische Umsetzung übernimmt. Die Autor:innen ordnen dieses Phänomen historisch ein und zeigen: Ähnlich wie der Übergang von Maschinencode zu höheren Programmiersprachen markiert Vibe Coding einen Paradigmenwechsel – weg von deterministischen Anweisungen in einer Programmiersprache hin zur probabilistischen Interpretation der Entwicklerintention durch generative KI.

Vom Programmieren zum gemeinsamen „Viben“

Konkret definiert das Paper Vibe Coding als ein Softwareentwicklungsparadigma, bei dem Menschen und generative KI in einem kollaborativen Flow zusammenarbeiten, um Softwareartefakte durch natürlichsprachlichen Dialog gemeinsam zu erschaffen. Dabei verschiebt sich die Vermittlung der Entwicklerabsicht von deterministischer Anweisung hin zu probabilistischer Inferenz.

Vibe Coding manifestiert sich durch fünf zentrale Eigenschaften: (1) zielorientierte Absichtsformulierung, bei der Ziele statt Implementierungsdetails beschrieben werden; (2) schnelle dialogische Interaktion, die den klassischen Schreiben-Kompilieren-Testen-Zyklus durch konversationelles Feedback ersetzt; (3) Implementierungsabstraktion, die Deployment ermöglicht, ohne alle Details vollständig verstehen zu müssen; (4) dynamische semantische Verfeinerung, bei der sich Anforderungen durch die Interpretationen der KI weiterentwickeln; und (5) ko-kreative Flow-Zustände, die einen produktiven Rhythmus zwischen Entwicklern und KI etablieren.

Diese Verschiebung verändert die kognitive Arbeit von Entwickler:innen grundlegend. Technische Detailarbeit tritt in den Hintergrund, während Problemverständnis, Orchestrierung und kritische Bewertung an Bedeutung gewinnen. Expertise wird neu verteilt: Die KI übernimmt Implementierungsarbeit, der Mensch steuert Richtung, Qualität und Sinnhaftigkeit.

Chancen und Risiken eines neuen Paradigmas

Die Autor:innen identifizieren dabei große Chancen: Vibe Coding senkt Einstiegshürden, ermöglicht schnellere Entwicklungszyklen und demokratisiert Softwareentwicklung, indem auch Nicht-Programmierer:innen funktionierende Systeme erstellen können. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Risiken. Dazu zählen schwer nachvollziehbare „Black-Box“-Codebasen, mögliche Kompetenzverluste bei Entwickler:innen sowie offene Fragen zu Verantwortung und Haftung in gemeinsam erzeugten Systemen.

Ein Forschungsprogramm für die Zukunft

Künftige Arbeiten sollen untersuchen, wie sich Ausbildung, Organisationen und technische Werkzeuge an diese neue Form der Zusammenarbeit anpassen müssen. Besonders relevant sind Fragen nach Transparenz, Qualitätssicherung und neuen Rollenbildern in der Softwareentwicklung.

Quelle: C. Meske, T. Hermanns, E. Von der Weiden, K. -U. Loser and T. Berger, „Vibe Coding as a Reconfiguration of Intent Mediation in Software Development: Definition, Implications, and Research Agenda,“ in IEEE Access, vol. 13, pp. 213242-213259, 2025, doi: 10.1109/ACCESS.2025.3645466.

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